Chemark
Alter: 20
Hier seit: 13.12.2011
Beiträge: 94
Wohnort: Göttingen

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Mal kurz was von nem Feuerwehrmann dazu, wie sowas abläuft: thgl hat die Grundregeln soweit schon ganz gut beschrieben, wie gehandelt wird.
Wer und vor allem wie viel alarmiert wird entscheiden meistens die Disponenten in der Leitstelle. Die haben dann einen Computer, den sie mit allen nötigen Informationen füttern, und der ihnen dann vorschlägt, wie viel sie alarmieren sollten.
Ich zähle mal der Übersicht halber das auf, was der Disponent vermutlich wusste:
-Austreten einer hochgradig giftigen, gasförmigen Substanz, vermutlich Arsenwasserstoff
-ca. 90 (hoffentlich die richtige Zahl) Menschen, die sich im direkten Einflussgebiet aufhielten
-erste Symptome, die auf eine Vergiftung hinweisen könnten bei ersten Personen
-viele andere Personen, die in angrenzenden Räumen am arbeiten waren
Er wusste NICHT, wie viel Arsenwasserstoff freigesetzt wurde. Das konnte zu dieser Zeit auch niemand mit wirklicher Sicherheit sagen. (dabei reicht es nicht, dass ein Asisstent sagt, da ist nicht viel... wenn man mal davon ausgeht, dass da wirklich etwas mehr ausgetreten ist könnte es für einen Schock beim Asisstenten sorgen, der deshalb sehr verwirrende dinge von sich geben kann. (Ich weiß nicht, wer von euch schon mal Menschen unter Schock erlebt hat, aber das ist wirklich so, dass die wirres zeugs reden))
Auch wusste der Disponent nicht, wie viele Personen wirkich betroffen sind.
Er geht also erstmal davon aus, dass ALLE Personen, die auch nur einen minimalen Kontakt mit der Substanz hatten, potenziel Verletzt sind. (da die Konzentration nicht bekannt ist, MUSS er davon ausgehen, dass der schlimmste Fall eingetreten ist)
Das macht dann alleine 90 Verletzte Personen, die versorgt werden müssen.
Dazu kommen:
-Evakuierungsmaßnahmen der Universität
-Feststellen des Ausgetretenen Gases und die Menge, die ausgetreten ist
-Eindämmen der Gefahr durch das Gas
-Abriegeln des Universitätsgeländes
-eventuell Evakuierung der umliegenden Bevölkerung, wenn große Mengen ausgetreten sind
Und jetzt kann man ja mal eben überschlagen, wie viele Feuerwehrkräfte dafür wohl benötigt werden.
Es sind auf jeden Fall riesige Mengen.
Und jeder, der jetzt meinte, dass die Feuerwehr total überzogen reagiert hat, soll sich doch bitte mal vor augen halten, wie viel der Disponent wusste. Und fast alle Quellen, die er über genaueres hatte, waren potenziell nicht voll glaubwürdig (Schock).
Man muss in Gefahrensituationen IMMER (!!!) von dem Schlimmsten ausgehen. Oder wollt ihr euer Leben lang damit leben, 70 junge Studenten in der Blüte ihres Lebens auf dem gewissen zu haben, nur weil man zu faul war, einen einzigen kleinen Funkspruch abzugeben???
(von den juristischen Folgen fange ich garnicht erst an)
Dann noch was dazu, dass des relativ lange gedauert hat, bis die Verletzten wirklich betreut wurden.
Es ist einfach so, dass fast alle Einsatzleiter einfach überfordert sind mit einer derart großen Einsatzstelle.
Es gibt pro Landkreis zwar einige Spezialisten, die besondere Lehrgänge besucht haben und auch solche großen Einsatzstellen koordinieren können, aber bis die wirklich mit ihrer Arbeit anfangen können vergeht einige zeit:
-5min, bis die ersten Einsatzkräfte am Einsatzort eintreffen. (das ist auch nur bei einer Berufsfeuerwehr gegeben)
-5min, bis sich der erste Gruppenführer einen Ausreichenden Überblick über die Lage verschafft hat und klar ist, dass die koordinationsspezialisten gebraucht werden.
-10 min, bis diese an der Einsatzstelle eintreffen
-10 min, bis die eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut haben, ihre Aufgabegebiete verteilt und über die lage informiert sind.
Das macht dann eine halbe stunde, bis es wirklich anfängt alles zu greifen. Und steht mal eine halbe stunde irgendwo rum, in einem bangen warten, was denn genau los ist. Die wird euch deutlich länger vorkommen...
(es wird sich vorher auch schon jemand zu den verletzten begeben und sie betreuen, aber das sind in dem Moment viel zu wenige. Es wird nach der GAMS regel gehandelt. (Gefahr erkennen, Absperren/Absichern, Menschen retten, Spezialkräfte anfordern) Und da ist nunmal die Verhinderung von weiteren Personenschäden (=Absperren) höher gewichtet als die Betreuung bereits betroffener)
Außerdem werden derartige Szenarien viel zu selten geübt. Wer wirklich glück hat, hat in seinem Leben schon eine derartige Übung mitgemacht. Das ist aber bei weitem die Minderheit.
So, nachdem ich jetzt erstmal so lange über Einsatztaktiken philosophiert habe, muss ich noch nen paar erfahrungen zu einigen Komilitonen im praktikum loswerden.
Ich bin auch gerade im ersten Semester in Göttingen und ich habe da auch schon dinge erlebt, bei denen man sich fragt, was bei einigen Leuten da schief gegangen ist...
Gerade heute im Praktikum hat es eine an meiner bank geschafft, ihren Analyseansatz fast in brand zu stecken.
Das war ein Urotropin-Trennungsgang und in der Versuchsbeschreibung stand, dass das Gemisch 10 min kochen sollte. Die stellt das ganze also unter den abzug, schaltet den brenner auf vollgas ein, stellt sich ihre uhr und geht weg. Irgendwann war das Wasser verdampft und das ganze Gemisch hat angefangen extrem stark zu rauchen. (Vom aussehen und verhalten der Dämpfe her fehlte nicht mehr viel, bis das ganze zeug anfing zu brennen)
Trotz ganz geschlossenem Abzug (!!!!!!) hat das draußen ordentlich gestunken.
Ich habe sofort den Brenner ausgemacht, als ich das gesehen habe und habe mir die Person mal vorgenommen, dass das so nicht geht und wie gefährlich das ist (ok, da hätte nicht wirklich was passieren können, aber in solchen fällen übertreibe ich gerne mal, damit die das echt mal merken). Die grinst mich an und macht fröhlich weiter...
Und bei einer anderen Situation hatte einer irgendeinen dreck im Reagenzglas und versucht das mit konz. HCl zu lösen. Der zieht seine dicken Säureschutzhandschuhe an, füllt sein reagenzglas halb mit säure, legt seinen Daumen auf die öffnung und schüttelt, als ob er da wasser drin hätte...
Danach geht er zum Wasserhahn und spült das glas ganz normal aus. Ich war nen paar minuten später als erster wieder an dem Wasserhahn. Erst ist mir nur aufgefallen, dass der so eigenartig klebrig von außen war. Mir ist daraufhin sofort wieder eingefallen, wer dafür Schuld ist.
(HALLO?! gehts noch? mal eben so konz. HCl an dem Wasserhahn hinterlassen, damit sich die anderen noch freuen?)
Und das waren nur die sachen, von denen ich direkt betroffen war...
Einigen müsste man wirklich ganz dringen die grundlegendsden Sicherheitsvorschriften nochmal neu eintrichtern, damit die uns nicht irgendwann alle nochmal umbrigen.
So. und damit jetzt viel spaß beim lesen ... es ist etwas läger geworden als erwartet
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