Hartmut


Alter: 47
Hier seit: 04.02.2004
Beiträge: 4412
Wohnort: D - Regensburg

|
|
Uranylacetat hat geschrieben: Donnerwetter, auf die Idee muss man erst mal kommen! 
Was meinst Du erst, wie es mich reizen würden, statt einer Kamera mich selber an so einen Ballon zu hängen?
Sowas haben ja ein paar wenige Menschen auf der Welt auch schon gemacht, Stichwort Joe Kittinger. Der hatte dabei auch mehrere Weltrekorde aufgestellt, wie z.B. den längsten und den schnellsten freien Fall eines Menschen usw.
Stell Dir mal vor, was für ein absolut singuläres Erlebnis das wäre, so einmalig, wie auch das, was man da mit den Augen sieht und die Gefühle. Ich glaube, dafür würde ich mir zur Not sogar den Raumanzug selber bauen. Natürlich würde es - im Gegensatz zu einer kleinen Kamerabox - wohl in die Millionen gehen, wenn man sich selber da hinauf bringen und sicher wieder landen wöllte. Mitte 40 wäre dann wohl auch schon grenzwertig, wenn man im freien Fall fast die Schallmauer durchbricht, man müßte wohl schon absolut kerngesund und hochtrainiert sein, um dabei nicht bewußtlos zu werden. Ich frage mich auch, was es bedeuten würde, schon so hoch in der Stratosphäre einen Fallschirm zu öffnen. Womöglich würde durch die dünne Luft die Fallgeschwindigkeit dennoch so stark ansteigen, daß es das Fallschirmsystem weiter untern zerfetzen könnte ...
Aber auch wenn man reich genug, gesund genug und todesmutig genug wäre, das zu tun, würde es in Europa, wo man so furchtbar bemuttert und bevormundet wird, wahrscheinlich niemand erlauben. Sowas wäre wohl fast nur in den USA möglich. Wo es dem Staat völlig wurscht ist, ob ein freier Bürger sich freiwillig in Todesnähe bringt.
Peter hat geschrieben: Was ich bei den Jungs aus den Video aber krass finde ist, dass die Kamera die tiefen Temperaturen so einfach mitgemacht hat
Darin sehe ich nicht einmal ein großes Problem. Bist Du Dir bewußt, was für eine Dämmwirkung viele Zentimeter dickes Styropor hat? Ich würde dann eher sogar das gegenteilige Problem befürchten: nämlich eine Überhitzung durch zu dickes Styropor. In der dünnen Stratosphäre kann auch gar nicht mehr so viel Wärme an Luftmoleküle abgegeben werden, dieser Anteil an Kühlung gegenüber Kühlung durch Wärmeabstrahlung würde sinken.
Die Angabe von -60 °C darf nicht zu einem Trugschluß führen, man darf das nicht mit Meeresniveau vergleichen. In der dünnen Stratosphäre machen -60 Grad nicht viel aus, durch die viel extremere Sonneneinstrahlung aber würde man bei diesen -60 °C paradoxerweise womöglich sogar schwitzen.
Zwei ganz wichtige Ideen hast Du aber angestoßen: nämlich unbedingt eine Trocknung durch Silikagel und eine Trockenhaltung der äußeren Objektivscheibe. Denn Wassertropfen durch Wolken (die dann auch noch gefrieren) oder schlimmer noch eine komplette Reifschicht/ Eisschicht würde den ganzen Spaß verderben. Vielleicht gibt es elektrisch beheizbare Scheiben aus hochwertiger Optik.
Schwefelsulfid hat geschrieben: Wahnsinn! Ich bin total platt, was die Jungs da geleistet haben.
Das Video ist super und auch die Bilder ähnlicher "Missionen" find ich wunderschön.
Raumfahrt und Weltall fand ich schon als Kleinkind toll und ich träumte davon, Astronaut zu werden und die Erde von oben zu sehen.
Das mit dem Astronaut werden hab ich mir wieder aus dem Kopf geschlagen, aber dieses Projekt mit den geradezu lächerlichen Kosten von 100 Euro (Ok, von der Kamera abgesehen) wird wohl in mir hängenbleiben, es lässt mich nicht mehr los, es rührt in meinem Innersten.
Ich höre Dein Herz bis hierher schlagen.
Gedanken über Tuning:
Zur maximalen Höhe: könnte es nicht möglich sein, die ungefähre "Harrison-Höhe" von 35 Kilometern noch erheblich zu toppen? Das müßte möglich sein, durch einen besonders großen Ballon aus besonders leichter Folie, der mit Helium nur zu einem winzigen Teil befüllt wird. Der dürfte dann auch erst in viel größerer Höhe den Berstdruck erreichen. Traumziel wäre dann wohl die Stratopause in 50 km Höhe, das Tor in die Mesosphäre.
Witzig in diesem Zusammenhang wäre auch ein berstfester Ballon. Der bei seiner maximalen Ausdehung sich nicht weiter ausdehnt, aber auch nicht platzt. Der bleibt dann einfach stehen. Der könnte sich in dieser Höhe im Idealfall dann quasi um die ganze Welt treiben lassen. Zu Fall bringen könnte man ihn dann dennoch, mittels eines Ventils oder einer kleinen Sprengerbse, die den Ballon zerstört.
Bildruhe: ich würde die Gondel nicht mit einem Seil, sondern starr, über eine Stange, mit dem Ballon verbinden. Und sie außerdem kugelrund und windschlüpfrig machen. So daß Wind kaum noch Angriffspunkte hat, die Gondel dauern herumzuwirbeln. Bei Harrison-Aufnahmen zeigt sich, daß die Gondel hoch oben in absoluter Windstille immernoch hin und her schaukelt, wie das Pendel einer großen Standuhr. Diesen Impuls hat die Gondel noch aus turbulenteren Luftschichten und kann ihn bei dem geringen Luftwiderstand so hoch oben nur langsam durch Luftreibung abbauen. Wäre die Gondel aber starr mit dem Ballon verbunden, würde der gesamte Ballon mit-pendeln. Der aber hätte durch seine riesige Oberfläche mehr Luftreibung, was das Pendeln schneller abbremsen würde.
Bildausbeute: bei den heutigen Kellerpreisen für HD-Kameras würde ich mehr als eine Kamera einbauen, möglicherweise sogar bis zu 4. Eine 32-Gigabyte-SD-Karte pro Kamera müßte dabei locker ausreichen. Man müßte handelsübliche Kameras so umlöten, daß man das Display abklemmen kann, falls displaylose Sportkameras nicht gut genug sein sollten.
Abwärme: wie schon oben angedeutet, macht mir die stratosphärische Kälte paradoxerweise weniger Sorgen, als eine mögliche Überhitzung durch eine zu sehr übertriebene Wärmedämmung. Man darf nicht vergessen, daß die Sonne in 35 km Höhe ja auch ganz schön knallt. Eben wegen dieser harten UV-Strahlung und schon denkbarer kosmischer Höhenstrahlung würde ich mir auch Sorgen um den optischen Chip der Kamera machen und um die sonstige Elektronik.
Wasserstoff statt Helium: noch etwas leichter, und da 2-atomig, weniger fluid. Diffundiert also nicht so leicht wie Helium. Billiger und könnte zur Not sogar selbst hergestellt werden (Aluminiumschrott und stark verdünnte Natronlauge). Fragt sich nur, ob die Flugaufsicht das erlauben würde, oder auch eine andere Behörde nein sagen würde, wenn es auch nur das Ordnungsamt wäre oder irgendeine Berufsgenossenschaft ...
Mögliche praktische Anwendungen, von der bloßen Faszination abgesehen:
Ganz ähnlich dem bekannten "SETI-Programm" gibt es tatsächlich Stratosphärenballons, die kosmische Staubpartikel einsammeln, um sie auf mögliche Spuren von Leben zu untersuchen: "Cranfield Astrobiological Stratospheric Sampling Experiment (CASS-E)" (gestartet 2010).
Stratosphärenwolken: derart hohe Wolken kommen leider nur in den Polargebieten vor und wären chemisch deshalb hochinteressant, weil sie nämlich nur selten aus Eis bestehen, sondern fast immer aus Kristallen von Hydraten von Schwefelsäure und Salpetersäure. Und wer auf der Welt könnte schon von sich sagen, er hätte aus diesen Wolken Proben entnommen und zur Erde gebracht...?
Stratosphärenwolken:
Ein paar Worte zu dem deutschen Video noch:
Mir verschlägt es echt die Sprache, wie wunderschön das gemacht ist. Der Haupt-Macher, Tobias Lohf (der in dem grünen Hemd) hat hier ein Kunstwerk hingelegt, als hätte er 30 Jahre Bauchgefühl und Erfahrung in Dramaturgie. Selbst das unschuldig-kindische Herumblödeln und die dramatische und wehmütige Musik passen paradoxerweise fast göttlich zusammen. Und selbst die Musik noch ist selfmade! ("this is an own composition of a friend -> Jan Jendrkowiak <-
"). Wahrscheinlich mit einem sinfonischen Sampleset hergestellt (echte Samples aller sinfonischen Instrumente, Sets von realtiv billig bis unbezahlbar gibt es da).
Alles in allem versiegt mir da feuchten Auges die Sprache, so sehr bewundere ich diese herrlichen jungen Leute und ihren großen Wurf.
|
|
|
|
_________________ Oh, daß die Deutschen ihre wahren Kräfte kennen und ihren Fleiß höheren Zielen zuwendeten; sie würden nicht mehr Menschen, sie würden Götter sein, denn göttlich ist der Geist dieses Volkes!
Giordano Bruno
Noch ein paar gute Taten, gegen unseren Willen an uns vollbracht, und wir sind erledigt.
Arno Plack, Heildelberger Philosoph 1930 - 2012
 |
|